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Auf einem internationalen Kongress in Hamburg stellten Neurologen, Psychiater und Geriater neue Therapien für Demenz-Patienten vor
(9.4.2002, dgk) Marburg. "Das Problem, das da auf uns zurollt, ist gewaltig", fassten Alexander Kurz, Leiter des Alzheimerzentrums München, und Peter de Deyn, Professor für Neurologie in Antwerpen, die Ergebnisse einer Tagung zusammen, die vom 22. bis 24. März 2002 im Congress Centrum Hamburg stattfand. Im Mittelpunkt des interdisziplinären wissenschaftlichen Kongresses standen neue und wirkungsvollere Wege zur Behandlung von Demenzkrankheiten wie zum Beispiel Alzheimer.
"In Europa leben derzeit geschätzt mehr als acht Millionen Demenzkranke, in Deutschland sind es alleine 1,2 Millionen. Aber nur die Hälfte dieser Erkrankungsfälle wurde bereits von einem Arzt diagnostiziert. Wiederum lediglich neun Prozent davon werden auch tatsächlich behandelt - und wieder nur etwa jeder 20. dieser Demenz-Patienten erhält eine Therapie mit modernen, wirksameren Medikamenten", schilderte Andreas Monsch, Direktor der Memory-Klinik in Basel, die prekäre Situation. "Das Thema Demenz ist immer noch stigmatisiert. Viele Ärzte glauben, man könne nichts gegen die Demenz tun - und fühlen sich entsprechend hilflos. Das ist ein Irrtum, und das müssen wir ändern". Monsch forderte eine allgemeine Demenz- Früherkennungsuntersuchung ab dem 65. Lebensjahr. Geeignete Testverfahren stünden zur Verfügung, notwendig sei aber vor allem eine erhöhte Aufmerksamkeit der Ärzte für die typischen Anzeichen einer beginnenden Demenz. Achten sollte man nicht nur auf Probleme mit dem Gedächtnis, sondern insbesondere auch auf auffällige Verhaltens- und Wesensveränderungen, unter denen rund 90 Prozent der Demenzkranken leiden.
Einig waren sich Neurologen, Psychiater und Geriater darüber, dass gerade diese dementiell bedingten Verhaltensänderungen die größte Belastung für die Patienten, vor allem aber auch für die pflegenden Angehörigen sind. Spontane Aggression, unbegründete Beschimpfungen, Wutausbrüche von früher warmherzigen Menschen ließen auf Dauer auch noch so aufopfernde Angehörige verzweifeln. Wenn dann noch ein gestörtes Schlaf- Wachverhalten, zielloses nächtliches Herumirren oder sogar Wahnvorstellungen hinzukämen, erscheine den Angehörigen die Einweisung in ein Heim häufig als letzter Ausweg. "Zwischen dem Auftreten von Verhaltens- störungen bei Demenzkranken, der Zunahme der Pflegebelastung und der Häufigkeit von Heimeinweisungen besteht ein direkter Zusammenhang", konstatierte Prakash Masand, Psychiater von der Duke University in Durham, USA.
So weit muss es jedoch nicht kommen, wenn rechtzeitig kompetente medizinische Hilfe geleistet werde. Wie diese aussehen sollte, beschrieb Michael Woodward, der aus Heidelberg in Australien nach Hamburg gekommen war. Er war maßgeblich an einer weltweiten Studie beteiligt, bei welcher der Nutzen neuer Medikamente gegen Verhaltensstörungen an über 1.300 Demenzpatienten untersucht wurde. Als besonders effektiv habe sich dabei der Wirkstoff Risperidon erwiesen, der zur neuen Klasse der so genannten atypischen Neuroleptika gehört. "Unter der Risperidon- Therapie verringerten sich aggressive Verhaltenweisen deutlich, der Tag-Nacht- Rhythmus normalisierte sich und auch Wahnvorstellungen ließen sich eindämmen", erklärte Woodward. Übereinstimmend hätten sowohl Patienten als auch Angehörige die Risperidon-Behandlung als sehr positiv empfunden, weil sich damit die Lebensqualität in bisher nicht gekannter Weise für beide verbessert habe. "Der Patient fühlt sich wohler, er kann einfache Tätigkeiten wie Ankleiden und Essen wieder weitgehend selbständig erledigen. Dem Angehörigen bleibt dadurch jeden Tag etwa eine Stunde mehr Zeit, die er nicht für die Pflege verwenden muss, sondern für die eigene Erholung", so Woodward. Willkommener Nebeneffekt solch einer angemessenen und sinnvollen Therapie sei, dass auch die Gesundheitssysteme entlastet würden, denn die Pflege zuhause komme erheblich kostengünstiger als jene im Heim.
Die Wahl des richtigen Medikamentes könne den Verlauf einer Demenz- Erkrankung entscheidend beeinflussen, darauf wies Mary Ann Boyd aus Illinois, USA, hin. Häufig würden noch Präparate verordnet, die eher zu einer Verschlechterung der geistigen Leistungsfähigkeit des Patienten führten oder sogar Parkinson-ähnliche Beschwerden hervorriefen. Auch hier sei mit Risperidon ein großer Fortschritt erreicht worden: "Seine hohe Wirksamkeit und außerordentlich gute Verträglichkeit machen Risperidon zum Mittel der Wahl bei Verhaltensauffälligkeiten", betonte Boyd.
Derzeit gebe es bei der Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz keine wirkliche Alternative zu Risperidon, zumal es hierzulande als einziger Wirkstoff für dieses Krankheitsbild offiziell zugelassen sei, stellte Alexander Kurz klar. Trotz seiner nachweisbaren Erfolge werde es aber noch viel zu selten eingesetzt. Stattdessen würden Demenz-Patienten auch heute noch oft einfach ruhig gestellt. Ziel der modernen Demenz-Therapie sei es jedoch, den Patienten ansprechbar und aufnahmefähig zu halten, und ihm so noch möglichst viele gute Tage zu bescheren.
Bericht vom Kongress "Neuroscience in Action: From Clinical Dilemma to Therapeutic Breakthrough". Hamburg, 22. - 24. März 2002.
Ansprechpartner für Rückfragen zu dieser Pressemitteilung:
Dr. Ingolf Dürr, 0 64 21 / 293 - 174; ingolf.duerr(à)kilian.de

