DGK e.V. -Informationsdienst Infektion und Prävention Spezial (ips), Jahrgang 9, Ausgabe 1 - 2003 Themen: Ehrlichiose, Impfung, Autoimmunerkrankungen, Bluttest, Chagas-Krankheit, Hepatitis-B-Impfungen, Latente gamma-Herpesviren
Gesundheitsinformationen zu:
Deutsches Grünes Kreuz, Ehrlichiose,Impfung,Autoimmunerkrankungen,Bluttest,Chagas-Krankheit,Hepatitis-B-Impfungen,Latente gamma-Herpesviren
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Infektion und Prävention Spezial
IPS, Jg. 9, 1 - 2003

Ehrlichiose - Neues von der Zecke (2.777 Zeichen)
 

(dvv) Ehrlichiosen des Menschen gehören zu den klassischen "emerging infectious diseases". Sie werden durch Zecken übertragen. Aktuelle Untersuchungen von Paddock und Childs am National Center for Infectious Diseases in Atlanta, USA, deuten darauf hin, dass das Auftauchen von Ehrlichiose-Erkrankungen beim Menschen mit der deutlich angestiegenen Hirsch-Population im Osten der USA zusammenhängt. Denn die amerikanische Zecke (Amblyomma americum) benötigt den dort verbreiteten Weißwedelhirsch (white-tailed deer) als Wirt für alle Entwicklungsstadien. Wahrscheinlich ist dieser Hirsch das wichtigste Wirbeltier- Reservoir für Ehrlichien.

In Europa werden Ehrlichiosen durch den gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus) übertragen. Europaweit sind zwischen 0,4 und 66,7 Prozent der Zecken mit Ehrlichien infiziert, berichten Blanco und Oteo vom Hospital de La Rioja aus Rioja in Spanien.

Ehrlichien sind gram-negative, zu den Rickettsien gehörende Bakterien, die lymphogen und hämatogen in Organe wie Leber, Milz, Knochenmark sowie Lymphknoten gelangen. Sie vermehren sich obligat intrazellulär in Leukozyten, nachdem sie von diesen über rezeptorvermittelte Endozytose aufgenommen wurden. Von den bisher bekannten Ehrlichien-Arten sind zwei für den Menschen pathogen: Ehrlichia chaffeensis infiziert überwiegend Monozyten und verursacht die nur in den USA vorkommende Humane Monozytäre Ehrlichiose (HME), während das HGE- Agens hauptsächlich Granulozyten befällt und für die auch in Europa auftretende Humane Granulozytäre Ehrlichiose (HGE) verantwortlich ist.

Beide Krankheitsbilder verlaufen ähnlich und sind klinisch kaum zu unterscheiden. Europäische HGE-Fälle verlaufen weniger schwer als amerikanische. Typische Krankheitssymptome sind hohes Fieber, Kopfschmerzen, allgemeines Krankheitsgefühl und Myalgien. Als schwere Komplikationen kommen Meningoenzephalitis und Multiorganversagen vor. Fulminate Verläufe mit Todesfolge werden bei immunsupprimierten Patienten wie HIV-Patienten und Organtransplantierten beobachtet.
Im Gegensatz zu den unspezifischen klinischen Symptomen werden bei 86 Prozent der Patienten typische Laborveränderungen gefunden. Dazu gehören Anämie, Leukozytopenie, Thrombozytopenie sowie erhöhte LDH und Serum-Transaminasen.

Eine Ehrlichien-Diagnostik ist bei Patienten nach Zeckenexposition mit klinischen Symptomen und Laborveränderungen sinnvoll. In der Akutphase der Erkrankung können Ehrlichien entweder direkt im Blutausstrich oder mittels PCR (polymerase- chain-reaction) nachgewiesen werden. Zur Bestätigung einer abgelaufenen Ehrlichien-Infektion eignet sich der Nachweis spezifischer Antikörper. Die Therapie erfolgt wie bei allen Rikettsienarten mit Doxycyclin. Eine prophylaktische Gabe nach Zeckenstich ist nicht indiziert.

Quelle: Clin. Microbiol. Infect. 8 (12) 2002, S. 763

Clin. Microbiolog. Rev. 16 (1) 2003, S.37


Impfung gegen Autoimmunerkrankungen? (1.110 Zeichen)
 

(dvv) Australischen Forschern ist es gelungen, durch Induktion dendritischer Zellen die Immunantwort so zu beeinflussen, dass in der Zukunft eine präventive Immuntherapie gegen Autoimmunkrankheiten möglich werden könnte.

Das von dendritischen Zellen exprimierte Molekül RelB spielt eine entscheidende Rolle bei der Immunantwort, bei Stress- und Entzündungsreaktionen. Die Wissenschaftler um Ranjeny Thomas versuchten, durch Hemmung der RelB-Aktivität in humanen dendritischen Zellen, während einer Entzündung eine Autoimmunreaktion zu verhindern und so eine normale Immunantwort herbeizuführen. Sie konnten auf diese Weise das Immunsystem gewissermaßen "umerziehen".

Damit ist es erstmals gelungen, die Wirkung eines Schlüsselmoleküls in der Immunreaktion zu unterdrücken und damit krankmachende Autoimmunprozesse zu unterbinden. Wenn es möglich wäre, mit Hilfe dentritischer Zellen die Immunantwort, Antigen-spezifisch zu unterdrücken, könnte das für die Therapie von Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Typ-1-Diabetes weitreichende Folgen nach sich ziehen, meinen die Australier.

Quelle: Immunol. Cell Biol. 89 (6) 2002, S 509


Verbesserter Bluttest für Chagas-Krankheit (2.759 Zeichen)
 

(dvv) Millionen Menschen in Lateinamerika sind von der Chagas-Krankheit betroffen - einer durch Parasiten verursachten Infektionskrankheit. Der Erreger, Trypanosoma cruzi, wird von Raubwanzen übertragen, die vor allem nachts Menschen und Tiere befallen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass 16 bis 18 Millionen Menschen mit dem Erreger infiziert sind. Betroffen sind vor allem Bewohner von Lehmhütten auf dem Land und in den Slums der Großstädte. Im akuten Stadium, das bei 30 bis 40 Prozent der Infizierten - meist Kindern - auftritt, sterben 5 bis 10 Prozent an Myokarditis oder Meningoenzephalitis. Die vermutlich autoimmunologisch bedingte chronische Phase, die häufig erst nach einer symptomfreien Latenzzeit von 20 bis 30 Jahren beginnt, verursacht bei 10 bis 20 Prozent der Erkrankten schwere Organschäden, hauptsächlich am Herzen. Intestinale Megabildungen wie Megaösophagus mit der Gefahr von Aspirationspneumonien oder toxisches Megakolon, bei dem Volvulus oder Darmperforation häufig zum Tod führen, werden bei der Chagas-Krankheit oft bei Patienten aus den südlichen Endemiegebieten gesehen. Als Folge der Chagas-Krankheit leiden in Südamerika etwa 30 Millionen Menschen an einer chronischen Herzmuskelschwäche, der dilatativen Kardiomyopathie.

In der akuten Krankheitsphase kann mit Nifurtimox oder Benznidazol behandelt werden, in der chronischen Phase dagegen ist der Nutzen der Therapie sehr fraglich. Hier empfiehlt sich eine symptomorientierte Therapie.

Da der Parasit auch bei Transfusionen mit verseuchtem Spenderblut übertragen wird, ist das Screening auf Erreger-Antikörper in den Blutbanken Südamerikas unerlässlich. Die meisten kommerziellen serologischen Tests zeichnen sich allerdings durch eine hohe Fehlerquote oder nicht eindeutige Ergebnisse aus. Jetzt ist es dem brasilianisch-argentinischen Forscherteam um Umezawa und Levin gelungen, den serologischen Test deutlich zu verbessern: Für den neu entwickelten ELISA mixten sie drei rekombinante Erreger-Antikörper (B13, 1F8 und H49) und beurteilten den Test nach Untersuchung von 617 Patientenseren mit Chagas- Erregern und 277 gesunden Vergleichsseren. Anschließend wurden 451 Blutproben getestet, die aus verschiedenen endemischen Gebieten Südamerikas stammten und deren Laborergebnisse widersprüchlich waren. Der MIX-ELISA zeigte eine Sensitivität von 99,7 Pro-zent und eine Spezifität von 98,6 Prozent. Durch die Kombination von drei rekombinanten T. cruzi-Antigenen in einem Immunoassay haben die Wissenschaftler einen hochempfindlichen und -spezifischen Diagnostik- Test für die Chagas-Krankheit entwickelt. Sie schlagen vor, diese Methode in Verbindung mit konventionellen serologischen Assays für ein allgemeines Blutbank- Screening anzuwenden.

Quelle: Transfusion 43 (1) 2003, S. 91


Hepatitis-B-Impfungen - boostern oder nicht? (2.086 Zeichen)
 

(dvv) Nach einer kompletten Grundimmunisierung gegen Hepatitis B sind offenbar keine weiteren Auffrischimpfungen notwendig. Vorausgesetzt, die Geimpften sind immunkompetent. Das ist Ergebnis eines Review-Artikels von Banatvala und van Damme, die mehrere Langzeitstudien zusammengefasst haben. Die ausgewerteten Studien beziehen sich auf Daten von Säuglingen, Kindern und Erwachsenen sowohl aus Industriestaaten als auch aus Entwicklungsländern.

Auch wenn Jahre nach der Impfung keine messbaren oder nur niedrige Antikörperspiegel nachgewiesen werden konnten, war es dennoch eine Seltenheit, dass ein Geimpfte HBsAg-positiv war. Der Nachweis war in diesen Fällen zudem nur transient. Bei einigen fanden sich zwar anti-HBc-Antikörper im Serum, allerdings entwickelte keiner einen Trägerstatus oder eine klinische Manifestation. Die anamnestische Immunantwort scheint also bei diesen Geimpften vorhanden zu sein.

In Europa stecken sich schätzungsweise bis zu eine Million Menschen jährlich neu an, 40.000 entwickeln eine Leberzirrhose, 20.000 ein Leberzellkarzinom. In Deutschland gehört seit 1995 die Impfung für Säuglinge, Kinder und Jugendliche zum Standardprogramm. Ungeschützte sollten umgehend nachgeimpft werden. Auffrischimpfungen sind aber bei ihnen nicht vorgesehen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt Auffrischimpfungen in 10-jährlichen Abständen nur für Personen, die einem fortbestehenden Risiko einer HBV-Infektion ausgesetzt sind. Die Kontrolle des Impftiters sollte erfolgen bei Personal im Gesundheitsdienst und allen Personen, die durch Blutkontakt gefährdet sind (zum Beispiel Polizisten, Sozialarbeiter, Gefängnispersonal), ebenso bei Dialy-sepatienten oder Patienten, denen häufig Blut übertragen wird. Auch diejenigen, die mit HBsAg-Trägern leben sowie Patienten mit bekannter Immundefizienz sollten überprüft werden. Auch bei Neugeborenen von HBsAg-positiven Müttern ist die Kontrolle des Impferfolges notwendig. Falls der HBsAg-Titer unter 100 IE/l liegt, sollte nochmals geimpft und nach etwa sechs Wochen eine erneute Kontrolle erfolgen.

Quelle: Journal of Hepatitis, 2003, 10, 1-6;
STIKO-Empfehlungen (Epi. Bull Nr. 28/2002)


Gegen latente gamma-Herpesviren impfen (1.903 Zeichen)
 

(dvv) Amerikanischen Virologen ist es gelungen, Mäuse durch eine Impfung mit einem attenuierten Lebendimpfstoff vor einer Langzeit-Latenz von gamma- Herpesviren zu bewahren. Die Tiere zeigten sich geschützt gegen eine latente, aber jederzeit reaktivierbare Infektion - unabhängig davon, ob mit dem Wildvirus intraperitoneal oder intranasal infiziert wurde. Für das Mausmodell wurde das attenuierte murine gamma-Herpesvirus 68 gewählt, das - durch Mutation verändert - seine Fähigkeit zur Reaktivierung aus dem latenten Zustand verloren hat. Auch die Übertragung von Antikörpern geimpfter Tiere konnte den Latenzzustand teilweise beeinflussen. Allerdings konnte noch nicht geklärt werden, in welchem Stadium der Infektion die Impfwirkung ansetzt: während der akuten Infektion, dem Übergang in die Latenzphase oder erst in der Latenz. Die Daten legen aber nahe, dass es möglich ist, latente Infektionen zu limitieren und bestehende zu beeinflussen. Damit wäre die Möglichkeit geschaffen, durch Impfungen lymphoproliferative Störungen und maligne Entartungen zu verhindern, was hohe klinische Relevanz hätte.

Zu den humanen g-Herpesviren zählen das Epstein-Barr- (EBV) und das Kaposi- Sarkom-assoziierte Virus (HHV 8). Sie sind lymphotrop und vermehren sich vor allem in B- oder T-Lymphozyten. Nachdem die akute Infektion mit EBV, dem Erreger der infektiösen Mononukleose, oder HHV 8, welches Symptome eines leichten grippalen Infektes verursacht, abgeklungen ist, werden in der Latenzphase Proteine gebildet, die Zellen transformieren können. So können EBV-Infektionen bei Immunsupprimierten (AIDS, nach Transplantationen) zu Lymphomen führen. Das Burkitt-Lymphom (monoklonales B-Zell-lymphom) ist vor allem im tropischen Afrika und Neu-guinea endemisch, das Nasopharynxkarzinom in Südasien. Diese geografische Verteilung impliziert neben EBV aber noch andere Faktoren wie Umwelt oder genetische Disposition.

Quelle: Journal of Viorology, 2003, 77, 4, 2522-2529


Nachruf: Professor Dr. Günther Maaß (3.209 Zeichen)
 

(dvv) Am 15. Dezember 2002 ist Professor Dr. Günther Maaß, ehemaliger Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V. und Direktor des Hygienisch-Bakteriologischen Landesuntersuchungsamtes Westfalen nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.

Günther Maaß wurde 1926 in Kiel geboren, wo er nach Beendigung der Schulzeit das Medizinstudium begann und 1952 erfolgreich abschloss. Seine weite-re berufliche Entwicklung führte ihn über das Heinrich-Pette-Institut in Hamburg- Eppendorf und die Yale University in New Haven 1960 an das Hygiene-Institut der Universität Freiburg im Breisgau. Hier habilitierte er sich 1966 auf dem Gebiet der Medizinischen Mikrobiologie und Hygiene. Drei Jahre später wechselte er an das Hygienisch-bakteriologische Landesuntersuchungsamt Westfalen nach Münster, dessen Leitung er 1980 übernahm und bis 1991 innehatte. Gleichzeitig war er an der Universität Münster als Hochschullehrer tätig.

In der mehr als vier Jahrzehnte währenden Tätigkeit auf dem Gebiet der Virologie hat Günther Maass an vielen Entwicklungen maßgeblich mitgearbeitet und war auf zahlreichen aktuellen Arbeitsgebieten erfolgreich. So gehörte er zu den Pionieren der Erfor-schung der Poliomyelitis-Viren, beschäftigte sich unter anderen mit dem Tumorvirus SV-40, dem Hepatitis B-Virus und seit Mitte der 80er-Jahre im Angesicht von AIDS mit der Sicherheit von Blutprodukten. Die in langen Berufsjahren gemachten Erfahrungen prägten seine Vision von der zukünftigen Rolle der Virologie in der Medizin, die er in einem Artikel in Infektion und Prävention aus dem Jahre 1993 mit "Aktuelle Perspektiven der Virolgie: Prävention" umschrieb.

Günther Maaß hat zahlreiche Funktionen in Fachgesellschaften und Organisationen ausgeübt, von denen die Tätigkeit in der Ständigen Impfkommission von 1980 bis 1998 mit seinem Verständnis von vorbeugendem Infektionsschutz wohl am besten im Einklang stand. Dabei hat er sich um die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Gefahren von Infektionskrankheiten und die Motivation der Menschen für eine Teilnahme an Impfungen besonders verdient gemacht. Günther Maaß war ein viel gefragter Ratgeber für Kollegen aus allen Fachbereichen der Medizin, insbesondere, wenn es um die Infektionsprävention und die Bewertung von Impfschäden ging.

Als Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, in der Zeit von 1990 bis 1996, setzte Günther Maaß in der Tradition seiner Vorgänger Akzente hinsichtlich der interdisziplinären Zusammenarbeit der Ärzte und Wissenschaftler in Praxis, Klinik, Forschungsinstituten und Gesundheitsbehörden. Unter seiner Präsidentschaft konnte die DVV anlässlich des 40. Jahrestages ihrer Gründung 1994 eine erfolgreiche Bilanz ziehen, an der er großen Anteil hatte. Kurz vor seinem Tode war es ihm noch vergönnt, mitzuerleben, wie das große Ziel der DVV - in Deutschland durch konsequente Schutzimpfung die Poliomyelitis zu eliminieren - erreicht wurde.

Wir werden Günter Maaß als geschätzten Ratgeber, lieben Freund und hilfsbereiten Kollegen, vor allem aber als integeren Menschen vermissen, ihn aber auch in dankbarer Erinnerung behalten.

Prof. Dr. Peter Wutzler, Jena

Präsident der DVV


V.i.S.d.P.
 

Herausgeber:

Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V.

Redaktion:

Dr. med. Sigrid Ley
- verantwortlich -
Dr. rer. physiol. Ute Arndt
Dr. sc. agr. Andrea Grüber

Beirat der Redaktion:

Dr. med. Ursula Mikulicz
Prof. Dr. med. Burghard Stück
Prof. Dr. med. Peter Wutzler

Abdruck honorarfrei
Beleg erbeten an:

Deutsches Grünes Kreuz e.V.
Redaktion Infektion & Prävention
im Kilian
Schuhmarkt 4
35037 Marburg
Telefon: 0 64 21 / 2 93 - 116
Telefax: 0 64 21 / 2 93 - 716

 

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